Zum Enthornen von Kühen
Hörner gehören unserem Verständnis nach natürlicherweise zu Kühen. Weil Hörner im Zusammenleben von Kühen wichtige Funktionen ausüben und die tierschützerisch erwünschte Freilaufstall-Gruppenhaltung mit behornten Kühen möglich ist, wie eine vom Schweizer Tierschutz STS finanzierte Doktorarbeit der ETH Zürich zeigt, lehnt der STS das heutige serienmässige Enthornen ab.
Enthornte Kühe gehören heute leider zum alltäglichen Bild. In den 1980er Jahren begannen die Schwarzfleck-Züchter aus Unfall-Präventionsgründen mit diesem Eingriff. Mittlerweile konnten Tierschützer glücklicherweise die Tierschutzgesetzgebung so beeinflussen, dass das Enthornen, das heute fast ausschliesslich bei Kälbern durchgeführt wird, unter Schmerz- Ausschaltung passieren muss und früher praktizierte, grausame Enthornungsmethoden verboten sind. Damit konnten zumindest die unmittelbaren und schlimmsten Folgen des Enthornens für das Tier beseitigt werden.

Der Schweizer Tierschutz STS engagiert sich seit längerem für behornte Kühe. In den 1990er Jahren finanzierte er eine noch heute wegweisende und bislang unübertroffene   wissenschaftlich-praktische > Doktorarbeit an der ETH Zürich von Dr. Christoph Menke. Diese zeigt auf, dass Freilaufstallhaltung mit behornten Kühen möglich ist. Dabei wurden Freilaufbetriebe mit behornten Kühen in Deutschland, Oesterreich und der Schweiz untersucht und die wichtigsten Faktoren für eine erfolgreiche Haltung herauskristallisiert, die da u.a. sind: Grosszügige Stallflächen ohne Sackgassen und breite Laufgänge; angepasste Fressgitter; integrierter Laufhof im Freien; sorgfältige Eingliederung gruppenfremder Tiere; gute Mensch-Tierbeziehung. Letzteres kann natürlich nicht verordnet und auch nur z.T. erlernt werden! Diese Arbeit war und ist deshalb besonders wichtig, weil immer wieder behauptet wird, in Freilaufställen müssten im Gegensatz zur (nicht rindergerechten) Anbindehaltung Kühe enthornt werden.

Der STS co-finanzierte in der Folge Beratungsschriften von LBL/SRVA sowie dem FIBL mit konkreten Haltungs- und Managementtipps zur erfolgreichen Freilaufstallhaltung von behornten Kühen.  Zudem wurde ein > Merkblatt publiziert und eine Nutztiertagung zum Thema durchgeführt. [ Unterlagen zur Nutztiertagung erhalten Sie in der STS-Geschäftsstelle > sts@tierschutz.com ]

Im Zusammenhang mit dem Enthornen von Kühen wird oft fälschlicherweise die Anbindehaltung in den Himmel gehoben (dort würde/müsste nicht enthornt werden) sowie negativ und sachlich falsch über Freilaufställe geschrieben (hier müsse enthornt werden und der tierschützerisch erfreuliche Trend zu Freilaufställen sei der Grund fürs Überhandnehmen des Enthornens). Fakt ist, dass die Anbindehaltung, die ja i.d.R. mit dem tierquälerischen Kuhtrainer betrieben wird, bei den gesetzlich geforderten 90 mal Auslauf pro Jahr eine Tierschutzwidrigkeit darstellt und den Bedürfnissen von Kühen nicht entspricht. In der Anbindehaltung steht einer Kuh fast das ganze Leben lang lediglich eine Fläche von 110x180cm zur Verfügung, während sie im Freilaufstall, nach Belieben den ganzen Stall nutzen kann (Fress-, Liege- und Laufbereiche), d.h. 100 mal mehr Platz hat und ein rinderkonformes Sozial- und Körperpflegeverhalten zeigen darf. Das alles ist im Anbindestall nicht möglich!

Ein Argument ist nicht von der Hand zu weisen: Die Unfallgefahr, welche von Hörnern für Menschen ausgehen kann. Es geht hier i.d.R. nicht um “böse” Kühe sondern um ein kurzes Kopfdrehen /-anheben und einen Moment der Unachtsamkeit beim Tierhalter. Jedes Jahr verunfallen dabei noch immer mehrere Bauern.

Es gibt unbehornte Kuhrassen (z.B. Angus) und selbst in “unseren” Rassen existieren hornlose Linien. In der Schweiz und in Deutschland gibt es Züchter, die z.B. genetisch hornlose (Simmentaler)-Fleckviehkühe züchten.
Trotz (der ernst zu nehmenden) Verletzungsgefahr für Menschen und der Tatsache, dass die Natur auch hornlose Kühe zulässt: Hörner erfüllen gewisse Funktionen im Zusammenleben von Rinderherden, sei dies im Sozialleben (Rangordnung; Art der Auseinandersetzungen [behornte Kühe führen eher Frontalkämpfe durch, enthornte Tiere stossen sich oft auch in die Seite, was bei tragenden Tieren problematisch sein kann]) oder bei der Körperpflege (Kratzen). Zudem zeigen Wissenschaft und Praxis, dass die Freilaufstallhaltung mit behornten Kühen möglich ist. Auch wenn der Trend – selbst im Biolandbau (Ausnahme: Demeter ) - heute völlig in die andere Richtung geht: Aus tierethischen Gründen ist es gerechtfertigt, behornte Kühe zu fordern.